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Von der Knochenmark- zur Stammzelltransplantation

Das Blut des Menschen ist ein Stoff, im medizinischen Sinn ein Gewebe, das vielfältige Aufgaben erfüllt. Zu diesen Funktionen gehört der Transport von Nährstoffen, Vitaminen und Sauerstoff zu allen Zellen des Organismus, der Abtransport der Stoffwechselprodukte, die Verteilung von biologisch aktiven Substanzen wie zum Beispiel Hormonen. Den Transport von Sauerstoff und Kohlendioxid übernehmen die roten Blutzellen - sie geben mit dem eisenhaltigen Farbstoff Hämoglobin dem Blut die rote Farbe. Andere Stoffe werden gelöst, wieder andere gebunden an Transporteiweißen zu den Zellen befördert. Eine wichtige Funktion ist die Gewährleistung der "Reinheit" des Organismus, der immunologischen Individualität. Bestimmte Blutzellen sind in der Lage, Fremdes von Eigenem zu unterscheiden, Krankes von Gesundem, Entartetes von Normalem. Im Interesse des Funktionierens des Gesamtorganismus eliminieren weiße Blutzellen zusammen mit aktiven Abwehrstoffen, den Antikörpern, Viren, Bakterien oder andere Infektionserreger ebenso wie Tumore oder abgestorbenes Gewebe. Die dritte Funktion des Blutes ist die Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtes von Blutstrom und Blutgerinnselbildung bei Verletzung der körperlichen Ganzheit der Blutgefäße. Die Hämostase-Funktion wird über ein kompliziertes Zusammenspiel von Eiweißen, Blutplättchen und Zellen der Gefäßwände (Endothelien) gewährleistet.

Die Blutzellen können in Bau und Funktion fehlerhaft, können vermindert sein oder sich krankhaft verändert vermehren. Dann liegt eine Blutkrankheit vor. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine Erkrankung der Blutbildung.

Der Ort der Blutbildung oder Hämatopoese ist das Knochenmark. In den Knochenmarknischen befinden sich neben verschiedenen anderen Zellen die Ursprungszellen aller Blutzellen, die blutbildenden oder hämatopoetischen Stammzellen. Ganz unreife Stammzellen haben die Potenz, alle Blutzellen zu generieren, die roten (Erythrozyten), weißen (Leukozyten) und auch die Blutplättchen (Thrombozyten). Das ist ein überaus aktiver Prozess. Beispielsweise sind die Leukozyten (ausgenommen einige Lymphozytenpopulationen) die kurzlebigsten Zellen im Organismus und werden innerhalb weniger Tage im Blut vollständig erneuert. Nicht viel anders verhält es sich mit den Blutplättchen, die im Grunde Zellplasmaabspaltungen großer Vorläuferzellen aus dem Knochenmark sind. Etwas länger leben die hochspezialisierten kernlosen Erythrozyten. Nach 120 Tagen ist die Hälfte der roten Blutzellen durch neue ersetzt. Die hämatopoetischen Stammzellen haben damit eine sehr hohe Kapazität zu Teilung, Vermehrung und Differenzierung. Es konnte nachgewiesen werden, dass im Knochenmark etwa 13 Zellteilungen stattfinden, um aus der unreifsten Stammzelle die gut funktionierende Blutzelle entstehen zu lassen.

Dieses Schema der Blutbildung aus einer hämatopoetischen Stammzelle wurde bereits 1909 durch den russischen Arzt Maximow als Hypothese während einer Vorlesung an der Berliner Charite’ entwickelt und in der folia haematologica publiziert. Der Nachweis, dass eine blutbildende Stammzelle tatsächlich in der Lage ist, alle Blutzellen zu generieren gelang erst 60 Jahre später mit Hilfe von in vitro Experimenten in funktionellen Testsystemen.

So konnten im Knochenmark Stammzellen nachgewiesen werden. Hier sind es 1-3% der kernhaltigen Zellen. Es wird angenommen, dass wenige, vielleicht einige 100-1000 der sehr unreifen Stammzellen ausreichen, die gesamte Blutbildung eines Menschen ein Leben lang zu gewährleisten. Grund dafür ist die schon beschriebene hohe Potenz dieser Zellen zur Teilung, Vermehrung und Differenzierung. Als Stammzellen werden jedoch auch solche Zellen bezeichnet, die ein höheres Niveau der Ausreifung bereits erreicht haben und in der Lage sind, bestimmte Zelllinien komplett zu generieren. So gibt es die sogenannten myeloischen Vorläuferzellen, aus denen viele weiße Blutkörperchen, die roten Blutzellen und die Blutplättchen generiert werden können. Diese Vorläuferzellen haben einen unterschiedlichen Reifungsgrad, sind aber alle Stammzellen.

Bei schweren Erkrankungen des Blutes und des blutbildenden Systems ist eine Behandlung seit Ende der 60iger Jahre entwickelt worden, deren Prinzip es ist, nach einer Auslöschung des kranken Knochenmarkes gesundes Knochenmark von einem Spender zu übertragen. Die Knochenmarktransplantation kann Menschen heilen, die an bösartigen Tumoren der blutbildenden Zellen wie Leukämien und Lymphomen leiden oder eine verschieden bedingte Schwäche der Blutbildung wie die sogenannte schwere aplastische Anämie haben. Wenn das Knochenmark von einem anderen Menschen genommen wird, handelt es sich um eine allogene Transplantation.

Da die gute Regenerationsfähigkeit des Knochenmarkes mit den darin enthaltenen Stammzellen bekannt ist, werden heute 20ml Knochenmark oder 2 Millionen Stammzellen pro Kilogramm des Patienten vom Spender entnommen. Das sind meistens etwa ein Liter Knochenmark (Knochenmarkblut), das durch wiederholte Punktion der hinteren oberen Beckenschaufeln unter Vollnarkose im Operationssaal gewonnen wird und dem Empfänger auf der Transplantationsstation sofort in die Vene übertragen wird. Die Zellen finden im Organismus des Empfängers den für sie optimalen Wachstumsort, die Knochenmarknischen. Diese wurden von kranken und noch verbliebenen gesunden hämatopoetischen Zellen des Patienten durch vorherige Chemotherapie und Strahlentherapie befreit.

Die familiäre allogene Knochenmarktransplantation. Seit der Anwendung der Nierentransplantation in der Behandlung von terminal niereninsuffizienten (dialysepflichtigen) Patienten war bekannt, dass eine Übertragung von Gewebe eines Menschen auf einen anderen nur gelingt, wenn bestimmte Merkmale dieser Gewebe übereinstimmen. Diese Gewebemerkmale wurden vor 30 Jahren auf weißen Blutkörperchen entdeckt und heißen deshalb leukozytäre Antigene (human leukocyte antigen HLA). Da bei Verwandten eine Ähnlichkeit, wenn nicht gar Gleichheit dieser Merkmale häufig ist, und das die Voraussetzung für erfolgreiche Organtransplantationen ist, entwickelte sich zunächst die Knochenmarktransplantation von einem Familienmitglied, in erster Linie von Geschwistern, zum Patienten. Das ist die familiäre allogene Knochenmarktransplantation. Sind Geschwister vorhanden, ist die Wahrscheinlichkeit wenigstens 25%, einen HLA-kompatiblen (übereinstimmenden) Spender zu finden.

Die fremdallogene allogene Knochenmarktransplantation. Nach der erfolgreichen Behandlung von Patienten durch die familiär allogene Knochenmarktransplantation wurden im Verlauf der späten 70iger und frühen 80iger Jahre große Anstrengungen unternommen, dieses Therapieverfahren breiter anzuwenden. Insbesondere musste der potentielle Spenderkreis erweitert werden. Gleichzeitig entwickelte sich erfolgreich die exakte Bestimmung der Merkmale im HLA-System. So wurde auch bei nicht verwandten Menschen ein Grad an Übereinstimmungen der HLA-Merkmale gefunden, der eine Übertragung von Knochenmark möglich werden ließ. Die Wahrscheinlichkeit, einen HLA-identischen Knochenmarkspender in der Normalpopulation zu finden, liegt bei 1 : 1 000 000. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit der Untersuchung möglichst vieler gesunder Menschen, die freiwillig ihre Bereitschaft erklären, für einen anderen kranken Menschen maximal ein Viertel ihres Knochenmarkes anonym und kostenlos zu spenden. Es wurden die Knochenmarkspenderdateien geschaffen, die erste in Deutschland 1985 war die Stefan-Morsch-Stiftung, in denen die notwendigen Daten der Spender registriert sind und die die Spender an die transplantierenden Kliniken vermitteln. Inzwischen sind weltweit mehr als 5,5 Millionen freiwillige Knochenmarkspender registriert. Im vergangenen Jahr fanden in Deutschland etwa 300 Transplantationen mit dem Knochenmark von nicht verwandten Spendern statt. Die sogenannte fremdallogene Knochenmarktransplantation gehört heute in größeren Transplantationszentren zum Routinetherapieprogramm.

Auf der Suche nach vereinfachten Strategien zur Transplantation wurde hinsichtlich des Spenders insbesondere auf eine Reduzierung des Risikos der Gefährdung der Gesundheit hingewirkt. Dabei besteht das Risiko der Knochenmarkentnahme in der Narkose. Die Suche nach einer anderen Möglichkeit, die hämatopoetischen Stammzellen zu gewinnen, praktisch andere Quellen für Stammzellen als das Knochenmark zu finden, war klinisch 1990 von Erfolg gekrönt. Dass hämatopoetische Stammzellen auch im Blut vorkommen, konnte schon Jahre vorher gezeigt werden. Der Nachweis erfolgte auf Grundlage der gleichen funktionellen Testsysteme, in denen auch die Knochenmarkstammzellen nachgewiesen wurden. Jedoch konnten immer nur sehr wenige Blutstammzellen gefunden werden. Bei gesunden Menschen findet man eine Stammzelle unter 10.000 kernhaltigen Zellen des Blutes. Das ist zu wenig, um genug Zellen aus dem Blut zu gewinnen und eine erfolgreiche Transplantation durchzuführen. Ebenso ist es bisher nicht gelungen, aus den vielen Blutzellen die Stammzellen zu separieren und außerhalb des Organismus (in vitro) so zu vermehren, dass schließlich ausreichend Zellen für eine Transplantation zur Verfügung stehen. Aber es gibt Situationen, in denen bis zu 1% der kernhaltigen Zellen des Blutes Stammzellen sind. Erstmals wurde das bei Patienten nach einer intensiven Chemotherapie beobachtet. Heidelberger Ärzte untersuchten den Anteil und die Qualität der Stammzellen und fanden heraus, dass die unter solchen Bedingungen aus dem Knochenmark herausgeschwemmten Stammzellen die gleichen Fähigkeiten zur Teilung, Vermehrung und Differenzierung haben wie die ursprünglichen Knochenmarkzellen. Und als schließlich noch eine Maschine entwickelt war, eine besondere Zentrifuge (Zellseparator), bei der während der Rotation bis zu 100 ml Blut pro Minute kontinuierlich zu- und abströmen, wobei die Blutzellfraktionen nach ihrer Größe aufgetrennt werden, konnten erstmals genug Stammzellen aus dem Blut gewonnen werden und nach einer hochdosierten myeloablativen (das Knochenmark auslöschenden) Chemotherapie dem Patienten als autologes Transplantat zurückgegeben werden. Die Behandlung war erfolgreich, die Hämatopoese regenerierte dauerhaft und vollständig. Heute werden autologe Transplantationen ausschließlich mit Blutstammzellen durchgeführt.

Wie aber genug Stammzellen im Blut anreichern, wenn keine Chemotherapie zuvor gegeben wurde, wenn es sich nicht um eine Repopularisierung des Blutes mit Zellen handelt? Es gibt noch andere Situationen, in denen das Knochenmark mit einer besonderen Aktivierung antwortet und die Zahl der weißen Blutkörperchen als normale Reaktion auf einen äußeren Reiz sprunghaft ansteigt. Bei fast jeder bakteriellen Infektion kommt es zu solch einem Anstieg der weißen Blutzellen, manchmal bis auf das 10fache. Ausgelöst wird diese Vermehrung durch einen Wachstumsfaktor, der von den weißen Blutzellen gebildet wird, die den ersten Kontakt mit den eindringenden Bakterien hatten und nun ihresgleichen um Hilfe rufen. Die so ausgelöste rasche Vermehrung der weißen Blutzellen zieht ebenfalls eine Ausschwemmung von Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut nach sich. Da es gelungen ist, den Wachstumsfaktor zu isolieren und gentechnologisch herzustellen, kann nun die Vermehrung der weißen Blutzellen und die Ausschwemmung der Stammzellen ins Blut beliebig bei einem gesunden Menschen und bei Patienten mit entsprechenden Mangelsituationen vorgenommen werden. Die Stammzellen werden mittels der beschriebenen Zentrifuge gewonnen. Dieser Prozeß heißt Stammzellapherese, allgemeiner Zytapherese. So kann ein Transplantat gewonnen werden, dessen Stammzellen die gleichen Eigenschaften der Repopularisierung des Knochenmarkes und damit des Blutes haben wie die Stammzellen des Knochenmarkes selbst. Da sich diese Stammzellen in einem stimulierten Zustand befinden und teilweise Ausreifungsprozesse bereits initiiert sind, ist die Zeit von der Transplantation bis zum Erreichen normaler Zellzahlen im Blut bestätigter Maßen kürzer. Das wiederum vermindert Transplantationskomplikationen und erleichtert den Patienten die gesamte Behandlung.

Was heißt Stammzellmobilisierung für den Spender konkret? Der Spender erhält 5 Tage vor der Stammzellsammlung (Apherese) 2 mal täglich den Wachstumsfaktor unter die Haut gespritzt (oder spritzt ihn sich selbst aus der Fertigspritze zu Hause). Dadurch steigen die Leukozyten im Blut um ein Vielfaches und der Anteil der Stammzellen wächst bis wenigsten 1%, also um das 100fache. Die Nebenwirkungen sind gering und meist auf leichte Knochenschmerzen, die eine Vermehrung der Knochenmarkzellen mit Volumenzunahme anzeigen, beschränkt. Die Zytapherese erfolgt in einer Klinik oder in einem Institut für Transfusionsmedizin (des DRK) etwa über 4 Stunden kontinuierlich. Es sind 2 venöse Zugänge über Venülen (oder andere Punktionsnadeln) erforderlich, ein Zugang für die Entnahme des Blutes und ein Zugang für den Rückfluss. Da bis zu 100 ml Blut/min über die Venülen fließen, muss ein guter Zugang über möglichst großvolumige Venen der Armbeuge oder des Unterarmes gewährleistet sein. Nur in einzelnen Fällen ist eine Stammzellapherese über periphere Venen wegen eines zu geringen Blutflusses nicht möglich, dann muss entschieden werden, ob ein Venenkatheter gelegt wird oder man sich für eine Knochenmarkentnahme entscheidet.

Während der 4 Stunden liegt der Spender in einem Bett, oder er sitzt auf einem speziellen Sessel. Die betreuenden Ärzte achten darauf, dass der Spender ausreichend mit Calcium versorgt wird (z.B. über Getränke), da das Blutcalcium bei der Apherese an Natriumcitrat bindet, das zur Vermeidung einer Blutgerinnselbildung dem extrakorporalen Kreislauf des Blutes in der Zentrifuge beigegeben wird. Die Zahl der Stammzellen wird am gleichen Tag bestimmt und nur in Ausnahmen ist am nächsten Tag eine erneute Apherese notwendig.

Die spekulative Frage, ob ein Wachstumsfaktor, der eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen bewirkt, nicht auch eine Entartung von Zellen im Knochenmark also eine Leukämie, provozieren kann, muss zum heutigen Zeitpunkt mit nein beantwortet werden. Dies ist hypothetisch nur dann vorstellbar, wenn Leukämiezellen zum Zeitpunkt der Faktorgabe im entstehen oder bereits vorhanden waren und nun stimuliert werden. Andererseits antworten Leukämiezellen nur in sehr seltenen Fällen auf einen normalen (physiologischen) Wachstumsfaktor mit einem Wachstumsschub. Bisher wurde nie beobachtet, dass unter der Gabe von Wachstumsfaktoren eine Leukämie entstand. Inzwischen haben viele gesunde Menschen Stammzellen nach Mobilisierung mit diesem Wachstumsfaktor gespendet, ohne Schaden genommen zu haben und vielen Tausenden hat der Faktor geholfen, Zustände zu überwinden, bei denen es zum Mangel an weißen Blutzellen gekommen war.

Die Stammzellgewinnung aus peripherem Blut ist die einfachere und spenderfreundlichere Methode. Die Notwendigkeit einer Narkose und eines stationären Aufenthaltes entfällt zumeist. Gegenwärtig werden praktisch alle allogenen Transplantationen mit hämatopoetischen Stammzellen von Familienangehörigen mit Stammzellen aus dem Blut, die mittels Zytapherese gewonnen wurden, durchgeführt. Ist der Spender in einer Datei registriert und spendet für einen anonymen Patienten, so entscheiden sich heute immer mehr Transplantationszentren, Knochenmarkspender-Dateien und natürlich auch Spender für die einfachere Gewinnung von Stammzellen aus dem peripheren Blut.

Autor: Dr. Wolfgang Blau, Oberarzt an der Klinik für Knochenmarktransplantation und Hämatologie/Onkologie GmbH, Idar-Oberstein

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